
Der kleine Glücksritter besucht diese Woche einen Zirkus-Ferienkurs vor den Toren der Stadt. Irgendwo zwischen Hamburg und Schleswig-Holstein zwischen Feld, Wald und Wiese in einer kleinen Turnhalle mit zwei bezaubernden Zirkusdirektoren.
Heute macht seine Kindergartengruppe außerdem einen Ausflug an einen kleinen Stausee mitten im Wald. Mit dem Auto zurückbringen macht also nicht viel Sinn, ich muss ihn nach dem Zirkus irgendwie schnell in diesen Wald an diesen See bringen. Fahrrad, denke ich mir, ist wohl das Transportmittel erster Wahl. Bedeutet also, ich fahre mit dem Fahrrad erst über die Stadtgrenze, durch Feld, Wald und Wiese, lade das Kind auf den viel zu kleinen Sozius und fahre das Kindertaxi zurück durch Wiese, Wald und Feld zum See. Dabei habe ich enorm viel für Umwelt, Gewissen und Gesundheit getan, habe die schöne stadtnahe Umgebung genossen und das Kind kommt auf schnellstem Wege von einem Vergnügen zum nächsten. Ein guter Plan.
Zwar fahre ich hier häufiger mal Fahrrad, aber meistens nur eine Rentnerhunde-Runde durch den nahen Wald (an besagtem Stausee vorbei) oder die 500m zum Kindergarten, wobei diese Strecke schon wieder so kurz ist, dass wir sie meistens zu Fuß gehen. Manchmal zum Vergnügen „ins Dorf“ auf ein Eis. Weitere sportliche Aktivitäten Fehlanzeige.
Ich rüste mich also, muss erstmal mein Fahrrad von dem Zweitrad des Liebsten im Schuppen mit einem chirurgischen Eingriff inklusive Kollateralschaden aboperieren, fahre viel zu spät los, lasse Trinkflasche, Foto und Handy zu Hause liegen – wobei mir letzteres noch leid tun wird. Den ersten Teil des Weges kenne ich, den zweiten, der ungefähr dreiviertel ausmacht, nicht. Egal, denke ich mir, in unbekannten Großstädten bin ich schon immer ein guter Navigator gewesen. Ich muss mich eigentlich immer nur nach der Hochspannungsleitung richten. Ich fahre am Stausee vorbei, winke gut gelaunt der bereits eingetroffenen Kinderschar zu, biege flott ab. Hier irgendwo muss es doch langgehen. Die Sonne blitzt durch die Bäume, die Frösche quaken ihr Sommerkonzert, Brombeerranken ergreifen langsam Besitz von den Pfaden. Ah, eine Wandertafel! Ich bremse sportlich, ein Rentnerpaar nickt mir anerkennend zu. Ich suche. Ganz am Rand der Karte finde ich einen abgefingerten weißen Fleck, hier bin ich wohl. Schade, mein Ziel liegt ungefähr 5 cm unterhalb des vermoderten Holzrahmens. Aber eines weiß ich zumindest: ich muss meinen Kurs korrigieren. Ach, ist doch noch früh, sagt der nette ältere Herr im Radleroutfit. Ja schon, sage ich, aber ich muss mein Kind abholen. Aber ich werde ihn schon finden, füge ich selbstsicher hinzu. Er mus ja nicht gleich merken, dass ich keine Ahnung habe. Oha, na dann viel Glück! erwidert er. Was meint er damit?
Ich fahre weiter. Laubwald. Neben mir ein mooriges Rinnsal, gerahmt von bizarren Farnen, morschen Baumstämmen, verwunschenen Ranken. Ich fahre durchs Märchen, denke ich mir. Prinzessin Hamburger Liebe auf ihrem schwarzen Fahrrad... äh, Hengst auf der Suche nach dem verwunschenen Prinz. Warum gibt es hier in dieser malerischen Landschaft eigentlich keine Wegweiser bei diesen fünfundneunzig Abzweigungen und Kreuzungen? Brücke hier, Reitweg da. In Gedanken trete ich dem örtlichen Wanderverein bei, starte das Projekt Wanderwegweiser. Superhelden-Weg, Monster-Pfad – 3,5 km, bitte schön, hier rechts geht's lang.
Wo ist eigentlich diese unglückseelige Hochspannungsleitung? Ich bleibe stehen. Lausche. Und stelle fest, dass ich sie weder sehen noch hören kann. Das laute Surren begleitet einen durch weite Teile des Waldes. Nichts. Vogelgezwitscher, Blätterrauschen. Ein elektrischer Weidezaun knackt. Wofür eigentlich? Ich sehe keine Tiere. Es ist schön hier. Mir ist heiß. Ha, mein Handy! denke ich, bleibe stehen und wühle in meinem Fahrradkorb. Wie sehr würde mir jetzt dieser kleine pulsierende Punk helfen. Off road denke ich. Das Navi im Auto sagt off road. Bitte wenden. Bloß wohin? Mist, das Handy liegt zu Hause. Ebenso die Trinkflasche – mein Kind wird mich lynchen. Wie schlau, dass ich die Packung Dinkelmehl eingesteckt habe, mit der die Kindergartengruppe morgen Kuchenbacken will. Vielleicht muss ich mir ja im Wald Stockbrot backen, wenn ich nicht mehr raus finde?
Ich fahre immer schneller, mein Fahrrad stöhnt, der Kindersitz klappert über die ausgetretenen Waldpfade. Die Landschaft verändert sich, weite Kornfelder mit knorrigen alte Eichen, gesäumt von Alleen. Wunderschön. Ich ärgere mich, dass ich meinen Foto ebenfalls zu Hause habe liegen lassen. Die Zirkusbilder, die ich machen wollte, kurz bevor das Mini-Akrobatentraining zu Ende ist, kann ich mir sowieso schon schenken. Die Stunde ist bereits vorbei. Ich stelle mir vor, wie sich die Umkleidekabine langsam leert und nur noch der kleine Glücksritter dasitzt. Meine Mama, sie wollte mich doch abholen, huhuuu. Kindertränen. Ich Rabenmutter. Ich beiße die Zähne zusammen und trete mit aller Kraft in die Pedale. Dritter Gang, mehr gibt mein Beachcruiser nicht her. Wo ist bloß diese verdammte Hochspannungsleitung? Keine Ahnung, wie lange ich nun schon fahre, irgendwann muss doch mal etwas markantes kommen, das ich wiedererkenne?
Kühe. Ich sehe Kühe und freue mich. Kühe bedeuten Bauernhof. Und Bauernhof bedeutet im Idealfall, dass ich mich meinem Ziel nährere. Ich bin hin- und hergerissen. Diese schöne Landschaft vereinnahmt mich voll und ganz. Warum bin ich hier nicht schon häufiger gefahren? Warum waren wir in diesem Jahr noch kein einziges Mal mit dem Fahrrad beim Bauernhof? Warum fahre ich hier nicht selber mal spazieren? Ich gewöhne Schnuffi, dessen Fahrradtempo mit ihren 70 Hundejahren nicht an Strecke denken lässt, in Gedanken an den Fahrradanhänger und cruise mit einem Rentnertaxi am Heck durch reife Kornfelder.
Ha, die Hochspannungsleitung! Gepriesen seist du, du graues Monster! Dumm nur, dass an der nächsten Kreuzung weder der eine noch der andere Weg in die Richtung der Hochspannungleitung geht. Links oder rechts, jetzt musst du dich entscheiden. Hop oder Top, ankommen oder nicht ankommen. Schon 10 Minuten zu spät. Das weinende Kind kann ich mir irgendwie nicht mehr vorstellen, ich kenne mein Kind. Ich stelle mir vor, wie ich schweißüberströmt mit zitternden Beinen, rotleuchtend im Gesicht an der Turnhalle ankomme und mein kleiner Glücksritter sagt Ach Mama, warum kommst du jetzt schon? Es war doch so schön gerade.
Rechts war richtig, vermutlich die einzige richtige Entscheidung während dieser unfreiwilligen Radtour. Das letzte Stück geht auch noch bergauf, meine Kräfte sind rationiert. Das Kind hüpft vor der Turnhalle auf einem Riesentrampolin mit seinem Freund. Stand das da heute morgen auch schon? Der Papa des Freundes telefoniert. Alle anderen sind längst gegangen. Mama, sagt mein Kind, ich möchte noch nicht gehen. Ich habe Herzrasen. Ich schwitze. Meine Beine zittern. Ich muss Sport machen, denke ich, demnächst. Ich muss duschen. Ich muss was trinken. Steig auf, Akrobat sage ich, wir sind spät dran. Mama, kannst du bitte durch den Wald fahren? Aber sicher doch mein Kind, wir sind bestimmt gleich da.
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Morgen Abend treffe ich einen Haufen wilder Blogger-Hühner in der Bullerei. Meine Damen, bitte wundern sie sich nicht über meinen komischen Gang. Muskelkater, nur ein bisschen.